"Das achte Gateway ist das schwerste"

Interview zu den Lessons Learned beim Rollout intelligenter Messsysteme

Fachartikel für BWK Energie: Micha Elies, Leiter Operations und Christian Unger, Leiter Services der GWAdriga GmbH & Co. KG. Sie können den vollständigen Artikel unter diesem Link einsehen oder als PDF-Datei unter diesem Link herunterladen.

Am 24. Februar 2020 trat die Markterklärung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Kraft. Damit begann nach vielen Verzögerungen der Smart-Meter-Rollout in Deutschland. Alle am Rollout beteiligten Unternehmen hatten diesen Zeitpunkt lang herbeigesehnt und die Prozesse entsprechend geübt. Ob das jedoch ausgereicht hat, diese komplett neue Infrastruktur auch in der Praxis reibungslos in Betrieb zu nehmen, haben wir von Micha Elies, Leiter Operations und Christian Unger, Leiter Services beim Berliner Full-Service-Anbieter für die Smart-Meter-Gateway-Administration  GWAdriga erfahren.

Viele haben vor dem Start des Rollouts gesagt, das erste Smart-Meter-Gateway sei das schwerste. War das tatsächlich so?

Micha Elies: Nein, das erste Gateway war nicht das schwerste. Es hatte sehr viel Aufmerksamkeit, die Inbetriebnahme wurde bei den jeweiligen Kunden und auch auf unserer Seite intensiv begleitet, man konnte viel vorbereiten und sich voll und ganz auf den Prozess konzentrieren. Insofern war es viel Arbeit, aber nicht das schwerste Gateway. Viel schwerer waren die Geräte, die später draußen im Feld verbaut wurden. Und dies nicht mehr bei „friendly Usern“ mit speziell vorbereiteten Technikern in einem kontrollierten Umfeld, wie beim ersten Gerät.

Was waren hier die Herausforderungen?

Micha Elies: Herausfordernd waren zunächst die kleinen, aber feinen Unterschiede zwischen Vorserienmodellen und den tatsächlich zertifizierten Gateways, die dann im Wirkbetrieb eingebaut waren. Deutlich größere Schwierigkeiten haben in den ersten Monaten die jeweiligen Funktionsumfänge gemacht. Da sind die Geräte doch sehr unterschiedlich und die Einschränkungen der ersten Serienmodelle haben uns das eine oder andere Problem in der weiteren Verarbeitung der Daten gemacht. Dies wird sich absehbar mit den ersten zertifizierten Firmware-Updates verbessern.

Die Inbetriebnahme der Gateways und die Übertragung der Daten zum Gateway-Administrator ist ja ebenfalls ein ganz neuer und nicht ganz trivialer Prozess. Hat der auf Anhieb funktioniert?

Christian Unger: 90 Prozent der Problemfälle, mit denen wir uns auseinandersetzen mussten, traten zwischen dem Gerät und dem Gateway-Administrator auf. Das heißt, eine wirklich gute Datenkommunikation ist der Schlüssel dafür, über den gesamten Lebenszyklus des Smart-Meter-Gateways eine hohe Qualität und damit auch Wirtschaftlichkeit gewährleisten zu können. Deswegen darf man die Installation auf keinen Fall als bloße Pflicht wahrnehmen, bei dem das Gerät irgendwie installiert wird und dann ist es gut. Es muss vielmehr schon beim Einbau genau darauf geachtet werden, dass die stabile Datenkommunikation in jedem Fall gewährleistet ist. Dazu muss der gesamte Montageprozess abgesichert werden: ich brauche gut geschulte Monteure, die wissen, wie Konnektivität gemessen wird, wo eine Antenne gesetzt werden muss und vor allem auch, wie das Ganze zu dokumentieren ist.

Wie sah es auf der anderen Seite aus, also bei der Übermittlung der Daten an die verschiedenen operativen Systeme wie SAP, Schleupen, SIV oder Bosch?

Christian Unger: Es gibt einen Geburtsfehler im Smart Metering: die Schnittstelle zwischen dem Gateway-Administrator und dem Messstellenbetreiber ist nicht standardisiert. Jedes ERP-System hat deswegen eine anders geartete Schnittstelle und ist auch insgesamt unterschiedlich ausgeprägt. Wir haben uns deswegen zum einen stark auf die SAP IS-U-Welt fokussiert und hier tiefe technische und Prozesskompetenzen aufgebaut. Da das natürlich nicht ausreicht, um den Markt breit abzudecken, haben wir zudem in einer engen Entwicklungspartnerschaft mit unserem Systemlieferanten BTC eine eigene Schnittstelle aufgebaut, die wir nun als ergänzenden Standard anbieten. So können wir heute die Prozesse zwischen uns und den Messstellenbetreibern nicht nur mit SAP IS-U-Kunden hochautomatisiert abwickeln, sondern auch mit Anwendern, die auf Schleupen, SIV oder Bosch setzen. Diese Schnittstelle steht natürlich auch allen anderen Anbietern von Abrechnungssystemen und ERP-Lösungen für die Versorgungswirtschaft offen.

Sie haben gerade Ihren Systemlieferanten BTC genannt: Wie gestaltete sich denn die Zusammenarbeit auf dieser Seite? 

Christian Unger: Wir arbeiten hier ja in einem Umfeld, das längst noch nicht so klar definiert ist, wie es in anderen Bereichen den der Fall ist, weil weder die Technologie noch die Prozesse einen entsprechenden Reifegrad erreichen konnten. Das heißt, die Systeme weisen hier natürlich noch weiße Flecken auf. Wichtig ist es deswegen, dass beide – Softwarelieferant wie Gateway-Administrator – ihre Erkenntnisse und Lösungsvorschläge zusammenlegen und auf dieser Basis eine gemeinsame Lösung entwickeln, die die Anforderungen der Kunden sowie des Marktes bestmöglich umsetzt. Das gilt insbesondere auch für die weiteren Themen, die uns in der Zukunft stark beschäftigen werden, etwa im CLS-Umfeld. Das ist uns in der Entwicklungspartnerschaft mit BTC gelungen.

Wie ist der aktuelle Stand: Läuft der Rollout inzwischen reibungslos, sind wir gar bereit für einen breiten Rollout, wie er von manchen Politikern gefordert wird?

Micha Elies: Ich glaube, wir sind dafür gewappnet. Wir warten natürlich händeringend auf wichtige Weiterentwicklungen bei den Gateways, die bestimmte Abläufe noch weiter vereinfachen. Was wir selbst noch dazu beitragen müssen, ist die weitere Automatisierung der Prozesse, wenn es darum geht, größere Mengen an Gateways auszurollen und eine höhere Skalierbarkeit zu erreichen. Hier geht es vor allem auch um Bereiche wie das Störfallmanagement. Auch Themen rund um die Zertifikate, insbesondere die Zertifikatsaktualisierungen, müssen noch weiterentwickelt werden. Um es bildhaft auszudrücken: Die Turbine läuft, aber noch auf ganz langsamen Touren. Und bei allem Jubel über die Zertifizierungen kommen die Gateway-Hersteller ja nur ganz allmählich mit größeren Mengen auf den Markt. Immerhin haben wir bei unseren Kunden demnächst schon eine vierstellige Stückzahl an Gateways im Produktiveinsatz und verfügen damit über belastbare Prozesse und Erfahrungen.

Was wünschen Sie sich den sonst von den Gateway-Herstellern, außer größeren Stückzahlen?

Micha Elies: Ich glaube, ganz erfolgskritisch wird in Zukunft die Frage der Interoperabilität der Hardware werden. Wir müssen die Gateways der unterschiedlichen Hersteller prozesseffizient und übergreifend integrieren, und dies vor dem Hintergrund einer Entwicklung, die sicher noch eine ganze Weile sehr dynamisch sein wird. Unser größter Wunsch wäre deswegen, dass die Hersteller sich miteinander verständigen und die Interoperabilität sicherstellen. Dies ist Stand heute leider nicht gegeben.

Sind auch Ihre Kunden inzwischen im Rollout angekommen?

Christian Unger: Die großen sind schon mitten drin, die kleineren stecken teilweise noch in den Vorbereitungen. Für alle aber war und ist nach der langen Zeit des Wartens der Übergang von einer projektgetriebenen Organisation hin zu einer Betriebsstruktur mit Linientätigkeiten eine große Herausforderung. In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals auf Ihre Eingangsfrage zurückkommen, welches Gateway das schwierigste war: Die ersten Geräte sind nicht das Problem. Doch wenn die installiert sind, sagen alle, das Projekt ist gelaufen, alles funktioniert, machen wir einen Haken dran und die Experten werden abgezogen. Erst in diesem Moment, wenn keiner mehr an der Maschine sitzt und draufschaut, während das Gerät in Betrieb geht, erweist sich, ob das, was vorher aufgesetzt wurde, qualitativ gut ist oder ob das tatsächlich nur Handarbeit war. Insofern, würde ich sagen: Nicht das erste Gateway ist das schwerste, sondern eher das siebte oder achte.

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