Auch bei Westfalen Weser Netz (WWN) ist die Migration vom klassischen SAP IS/U auf S/4HANA fest eingeplant. Weil diese aber voraussichtlich erst in zwei Jahren umgesetzt sein wird, entschloss sich der kommunale Netzbetreiber, schon das jetzige SAP-System für das CLS-Management und den damit verbundenen Steuerungsrollout zu ertüchtigen. Mit Unterstützung von GWAdriga, die für WWN neben der Gateway-Administration und dem Messdaten-Management auch die Abwicklung des CLS-Managements übernimmt, können jetzt die ersten damit verbunden Prozesse produktiv gehen.
Dieser Artikel ist exklusiv in der et energiewirtschaftliche tagesfragen Ausgabe 12/25 erschienen. Das PDF des Artikels können Sie hier herunterladen.
Als „Motor der Energiewende“ ist es das erklärte Ziel von Westfalen Weser Netz, künftig die Energiesysteme in der Region in Echtzeit managen zu können, um so die volatilen Energieströme zu monitoren und zu steuern. Und das ist eine Herausforderung. Denn am Tochterunternehmen der rein kommunalen Westfalen Weser Energie GmbH & Co. KG sind insgesamt 57 Kreise und Kommunen beteiligt. Weitere 24 Kommunen lassen als Konzessionsgeber ihre Netze von der WWN betreiben. Somit ist das Unternehmen als großer Flächennetzbetreiber für den Bau und Betrieb der Verteilnetze für Strom, Gas und Wasser in den Regionen Ostwestfalen-Lippe, dem Weserbergland und dem nördlichen Sauerland verantwortlich. In dieser Funktion muss es auch die damit verbundenen hohen Zuwachsraten bei PV und Windkraft, Energiespeichern sowie steuerbaren Verbrauchern von der Wallbox bis zur Wärmepumpe in den Griff bekommen. „Insofern ist für uns die Digitalisierung der Energiewende eine ganz zentrale Aufgabe, wenn es darum geht, unser Netz clever zu führen und den Ausbau wirtschaftlich zu gestalten“, beschreibt Martin Kloppenburg, Programmleiter für die Digitalisierung im Messwesen bei WWN.
WWN gehört neben der EWE Netz und der RheinNetz auch zu den Gesellschaftern der GWAdriga GmbH & Co. KG. Zusammen mit einem weiteren GWAdriga-Kunden, der Nürnberger N-ERGIE hatten die Unternehmen schon 2023 das Projekt „CLS ON“ gestartet, in dessen Rahmen sie seitdem gemeinsam die für den Steuerungsrollout nötigen Prozesse und technischen Grundlagen erarbeiten. So konnten schon Ende 2024 über das GWAdriga-Self-Service-Portal einige Steuerboxen in Betrieb genommen werden. Durch den Einsatz dieser grundsätzlich bis zu mehreren tausend Steuerboxen mengenfähigen Lösung ohne Webservice-Anbindung der ERP-Systeme wurden bereits erste Praxiserfahrungen gewonnen. Doch für WWN war diese Integrationstiefe nicht ausreichend. „Wenn wir den Vorgaben des §14a EnWG und des §9 EEG in Verbindung mit den zugehörigen Rolloutverpflichtungen auch nur annähernd gerecht werden wollen, müssen wir möglichst schnell Technik und Prozesse am Start haben, die uns dazu befähigen. Bei bis zu 190.000 intelligenten Messsystemen und 120.000 Steuerboxen im Endausbau ist dazu unbedingt auch die Anbindung des stammdatenführenden Systems mit automatisierten Prozessen, in unserem Falle im SAP IS-U, nötig“, erläutert Martin Kloppenburg die Herausforderung.
Das Integrationsprojekt startete auch vor dem Hintergrund einer komplexen Dienstleisterkonstellation, da das SAP IS-U-System nicht von der WWN selbst, sondern im Rahmen eines Business-Process-Outsourcings von der Netzabrechnung bis zum Messstellenbetrieb von einem externen Partner betrieben wird. Entsprechend eng mussten auch das Projektmanagement und die entsprechenden Teams aufgestellt werden. „Neben unserem internen Team und den Kollegen von GWAdriga waren mehrfach wöchentlich Abstimmungen mit den Partnern, die unser ERP-System sowie das Workforce Management betreiben, erforderlich.“, beschreibt Dennis Hunting, auf Seiten der WWN für die Projektsteuerung verantwortlich, die Struktur. Parallel dazu waren aber auch die jeweils betroffenen Spezialisten und Spezialistinnen im ständigen Austausch. „Die größte Herausforderung bei der Implementierung in diesem Kontext ist das kontinuierliche Testen der Prozesse, gerade auch, weil wir hier so viele Projektbeteiligte und Systeme haben. Dazu gibt es verschiedene Aufbauten: Auf der einen Seite haben wir gemeinsam mit GWAdriga virtuelle Testfälle aufgesetzt, mit denen wir jeden einzelnen Prozess einmal durchtesten. Wenn das einmal funktioniert hat, folgt dann ein Echtgerätetest – und das alles für jedes Prozess-Set“, beschreibt Dennis Hunting das Vorgehen.
Schon im Rahmen der Projektplanung zu CLS ON wurden diese Prozess-Sets von GWAdriga gemeinsam mit allen Projekt-Partnern definiert. Um diese jedoch in der jeweiligen Umgebung der Unternehmen umsetzen zu können, ist eine individuelle Anpassung in Bezug auf die Prozesse und Systeme des Backend-Systems erforderlich. Deswegen wurde im ersten Schritt das SAP IS-U der WWN so weit ertüchtigt, dass es in die Lage versetzt wurde, die CLS-Stammdaten überhaupt verarbeiten zu können. Anschließend ging es an die Basisprozesse: Hier wurden zunächst die fundamentalen Anwendungsfälle umgesetzt, von der Neuanlage nach §14a bis hin zur Inbetriebnahme der Steuerbox bei vorhandenem iMsys. „Damit sind wir nun prinzipiell in der Lage, im Zusammenspiel mit GWAdriga die Inbetriebnahme neuer Steuerboxen integriert umzusetzen. Bis Ende des Jahres wird dies aber allenfalls in kleinen Stückzahlen bei ‚friendly Usern‘ passieren. Denn erst, wenn auch das nächste Prozess-Set produktiv ist, das insbesondere auch die Abläufe bei Störfällen umfasst, macht es Sinn, in den Feld-Rollout mit größeren Stückzahlen zu gehen“, so Dennis Hunting. Auch muss zunächst die für den Rollout zuständige Linienorganisation, von den internen Kräften bis zu den externen Dienstleistern, geschult werden. „Es reicht ja nicht, nur die Technologie zur Verfügung zu stellen, sie muss auch in der Praxis eingesetzt werden können“, so Hunting weiter. Dieser Schritt soll bis zum Jahreswechsel abgeschlossen sein, so dass bereits 2026 Steuerboxen in mittleren vierstelligen Stückzahlen installiert werden können. Parallel dazu erfolgt dann sukzessive der weitere funktionale Ausbau, etwa die Stammdatenänderung von steuerbaren Ressourcen oder Leistungsänderungen von Wärmepumpen und Ladesäulen. Bis Ende 2026 werden dann auch Themen wie Doppeltarifzähler oder Nachtspeicherheizungen abgebildet. Aber auch die Anbindung von Systemen für das Heim-Energiemanagement des Kunden, kurz HEMS, steht auf der Agenda.
Martin Kloppenburg sieht Westfalen Weser Netz aktuell auf einem guten Weg, die Digitalisierung der Energiewende in die Fläche zu bringen, auch wenn die gesetzlichen Vorgaben schwer zu erfüllen sind. „Wir haben gemeinsam mit GWAdriga das Ziel erreicht, nach der Gateway-Administration auch das CLS-Management so aufzusetzen, dass wir für den Hochlauf des Steuerungs-Rollouts gerüstet sind. Die mit den Paragrafen 14a EnWG und 9 EEG gesetzten Ziele sind allerdings sehr sportlich. Hier würden wir uns etwas mehr Zeit wünschen. Nichtsdestotrotz ist für uns der Steuerungsrollout mit der Möglichkeit netzdienliche Daten zu verarbeiten das zentrale Instrument, mit dem wir die Energiewende hier in unserer Region aktiv vorantreiben und den nötigen Netzausbau in einem technisch und wirtschaftlich vernünftigen Rahmen forcieren“, fasst Martin Kloppenburg zusammen.

