Die digitale Infrastruktur der Energiewende ist im Feld. Über die nächste Phase entscheidet nicht mehr der Aufbau, sondern die Wirksamkeit in realen Kunden-, Netz- und Marktprozessen. Ein Plädoyer für mehr Tempo, mehr Integration und einen gemeinsamen Umsetzungsrahmen.
Autor: Dr. Michał Sobótka, Geschäftsführer GWAdriga GmbH & Co. KG – Dieser Artikel ist gekürzt als Gastbeitrag am 11. Juni 2026 in der ZFK+ online erschienen
Das MsbG feiert dieses Jahr im September den 10. Geburtstag. Das ist sicher einen Rückblick wert, aber vor allem auch den Blick nach vorne. Mit Smart Meter Gateway und Steuerbox steht die digitale Infrastruktur bereit, der technische Durchstich ist gelungen. Jetzt muss sich in der Praxis zeigen, was sie für Kunden, Netze und das Energiesystem tatsächlich leisten kann. Das ist ein anderer, in vieler Hinsicht anspruchsvollerer Abschnitt als die Aufbaujahre – und er beginnt jetzt.
Aus dem Maschinenraum heraus mitgestalten
Die kritischen Jahre der Rollout-Verzögerung, die auch wir als GWAdriga seit unserer Gründung vor zehn Jahren durchlaufen haben, waren für die Branche eine echte Bewährungsprobe; viele Hardware- und Software-Hersteller sowie Prozessdienstleister sind vom Markt verschwunden. Wer geblieben ist, hat in dieser Zeit nicht gewartet. Auch wir haben in dieser Zeit im Maschinenraum weitergearbeitet: in den Rechenzentren, den Fachbereichen, den Prozessen – und gelegentlich ganz buchstäblich im Keller beim Kunden. Denn dort entsteht die Realität, an der sich Skalierung entscheidet.
Der deutsche Weg: anspruchsvoll und seiner Zeit voraus
Deutschland hat beim Rollout bewusst einen Sonderweg gewählt. Statt eines schnellen, kostenoptimierten Massenrollouts wurde die Infrastruktur von Beginn an als zukunftsfähige digitale Netzinfrastruktur konzipiert. Der Fokus lag auf Steuerbarkeit, Interoperabilität und sicherer Kommunikation. Das hat die Komplexität erhöht, auf Geräteebene mit dem Smart-Meter-Gateway als sicherem Kommunikationsanker und der Steuerbox, und ebenso auch im Dienstleisterökosystem.
Viele europäische Länder waren schneller. Sie haben den Rollout früh auf Fernauslesbarkeit und Verbrauchstransparenz ausgerichtet und damit die ursprünglichen EU-Zielsetzungen zügig erfüllt. Für die Anforderungen von gestern war das richtig. Heute aber hat sich die Frage verschoben: Es geht nicht mehr primär um Transparenz, sondern um die Beherrschung hochdynamischer Netzsituationen verursacht durch Faktoren wie der volatilen Einspeisung aus Photovoltaik oder dem stark schwankenden Verbrauch durch Wärmepumpen und Elektromobilität. Bei diesen Anforderungen ist Deutschland noch fast allein unterwegs, und das auf der schwierigeren Strecke.
Die ehrliche Bewertung nach zehn Jahren lautet deshalb: Nicht jede Regelung dieses Modells ist exportfähig. Die starke Fragmentierung von Marktrollen hat Komplexität erzeugt, die man nicht schönreden sollte. Die technologische und architektonische Grundidee aber war richtig: eine sichere, standardisierte Kommunikationsinfrastruktur und die saubere Trennung von Messung, Steuerung und Mehrwertdiensten.
Vom Messen zum Steuern – und was dafür zusammenpassen muss
Mit dem Übergang zum Steuern verändert sich auch die Rolle der Messstellenbetreiber grundlegend. Was lange ein nachgelagerter Teil des Systems war, rückt mit Digitalisierung und Steuerungsrollout ins Zentrum. Aus dem Verwalter von Zählern wird Schritt für Schritt ein aktiver Ermöglicher von Steuerung, Transparenz und systemdienlicher Flexibilität. Damit wachsen die Anforderungen an Wirtschaftlichkeit, Technologieentscheidungen, Betriebsmodelle und an das Zusammenspiel mit Netzbetreibern, Direktvermarktern und Dienstleistern.
Damit Steuerung wirksam wird, muss mehr zusammenpassen als ein einzelnes Gerät im Feld. Es geht vielmehr um technische Standards und Interoperabilität, Systemlandschaften und durchgängige IT-Prozesse sowie Marktmechanismen wie dynamische Tarife und flexible Netzentgelte. Wird einem dieser Faktoren zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, bleibt die Infrastruktur zwar vorhanden, ihre Wirkung jedoch klein. Unser Stufenmodell beschreibt diesen Weg in drei Schritten: funktionsfähig machen, massenfähig machen und schließlich systemwirksam machen. Als Branche befinden wir uns derzeit im Übergang von der funktionsfähigen zur massenfähigen Steuerung, mit Blick auf das Zieljahr 2027.

Der technische Durchstich ist da, jetzt zählt die Skalierung
Die technischen Grundlagen sind geschaffen. Zertifizierte Steuerboxen sind verfügbar, CLS- und GWA-Systeme laufen produktiv, erste Steuerungen sind möglich. Im Projekt CLS ON haben EWE NETZ, RheinNetz, Westfalen Weser Netz und N-ERGIE gemeinsam mit GWAdriga bereits vor zwei Jahren die ersten Steuerboxen produktiv in Betrieb genommen. Mit Westfalen Weser Netz wurde bereits eine CLS-Integration mit einem IS-U-System umgesetzt; EWE folgt nun als erster S/4HANA-Nutzer. Und gemeinsam mit envelio und Westfalen Weser Netz haben wir erstmals ein Niederspannungsleitsystem mit unserem CSL-Management gekoppelt und sind aktuell dabei, die Steuerungsprozesse in der Praxis zu erproben.
Mit Upscaling und technischem Rollout allein ist es aber nicht getan. Jetzt beginnt der eigentlich anspruchsvolle Teil: Die Steuerung im Energiesystem wirksam zu machen. Das volle Potenzial liegt nicht im einzelnen Schaltvorgang, sondern in den Wirkungen für das Gesamtsystem. Darin, dass Anlagen schneller ans Netz gehen und Kunden profitieren, Netze stabil bleiben und weniger Kupfer verbaut werden muss. Hier sind noch dicke Bretter zu bohren: Wie steuern wir künftig netzebenenübergreifend, vom Übertragungsnetz bis in die Niederspannung? Wie nutzen wir Flexibilität, ohne Resilienz und Sicherheit der Netze zu gefährden? Und wie bringen wir ökonomische Anreize mit der lokalen Netzrealität zusammen? Ein nationales Preissignal kann aus Marktsicht richtig sein und lokal trotzdem zur falschen Zeit am falschen Ort wirken.
Warum sich das Tempo lohnt
Der ökonomische Fall für Deutschland ist im Kern klar. Der Ausbau der Erneuerbaren muss weiter möglich bleiben, die Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie muss weitergehen. Die damit entstehenden systemischen Risiken aber dürfen nicht ignoriert, sondern müssen beherrschbar gemacht werden – und zwar nicht allein durch immer mehr klassischen Netzausbau, sondern durch eine intelligente Kombination aus Netz, Messung und Steuerung. Mehrere Studien sehen die Effizienzvorteile eines konsequenten Steuerungsrollouts in der Niederspannung in einer Größenordnung im dreistelligen Milliardenbereich. Es geht also nicht um Netz oder Digitalisierung. Es geht um die intelligente Kombination aus beidem – damit die Energiewende bezahlbar, sicher und resilient bleibt.
Was jetzt kommen muss: ein weiter gedachter Umsetzungsrahmen
Damit es so kommt, sollten sich Branche und Politik eine ehrliche Frage stellen. Reicht es, über einzelne Regeländerungen, Fristen und Prozessdetails zu diskutieren? Oder ist jetzt der Moment, wieder gemeinsam größer zu denken, mit einem klaren Bild davon, welches Energiesystem wir in fünf Jahren in Deutschland tatsächlich betreiben wollen? Die sektorübergreifende Roadmap, die bis 2020 unter Federführung des BMWi ein gemeinsames Zielbild gezeichnet hat, war sicher nicht in jedem Detail richtig. Aber sie hat der Branche Orientierung gegeben. Genau das brauchen wir jetzt wieder.
Ein solcher Arbeitsprozess müsste die Branche stark einbinden und die entscheidenden Fragen offen stellen: Wo wollen wir in fünf, wo in zehn Jahren stehen? Was ist technisch noch zu entwickeln – bei den Anlagen im Feld, bei Hardware-Herstellern, IT-Systemanbietern und Leistungspartnern? Und was muss regulatorisch, prozessual und operativ zusammenpassen? Gebraucht wird nicht nur das Abarbeiten des bestehenden Rahmens, sondern ein ambitionierterer Blick nach vorn: Auf Ziele, die die Branche wirklich gemeinsam trägt, und auf eine Umsetzung, die über Marktrollen und Netzebenen hinweg zusammenpasst. Die Debatten, die wir gerade führen – über Skalierung, Steuerung, Interoperabilität und Marktmechanismen – dürfen nicht abstrakt bleiben. Sie müssen in konkrete nächste Schritte übersetzt werden.
Die digitale Infrastruktur der Energiewende ist kein Zukunftsversprechen mehr. Sie ist da. Jetzt entscheidet sich, ob wir sie wirksam in die Praxis bringen, so dass Kunden- und Systemnutzen endlich zusammenfinden. Denn durchsetzen wird sich dieses System nur, wenn beides zusammenkommt: der Nutzen für das Energiesystem und der Nutzen für den Kunden. Fällt beides auseinander, bleibt die Akzeptanz begrenzt. Kommt beides zusammen, entsteht echte Dynamik.

